Verein ausgezeichnet

Den Preis „Goldener Kirchturm“, dotiert mit 5000 Euro, konnten Mitglieder des Fördervereins der Kirche Sankt Nikolai in Erfurt entgegennehmen. Foto: Gerd Wippert

Die Evangelische Kirche Mitteldeutschland hat am Sonnabend, 19. September 2026, in Erfurt sechs Vereine, die sich um die Sanierung von Kirchen kümmern, ausgezeichnet. Im Wettbewerb „Der lange Atem“ vergab die Jury den Hauptpreis „Der goldene Kirchturm“ an den Förderverein der Kirche Sankt Nikolai Kitzen. Der Preis ist mit 5000 Euro dotiert. 44 Kirchbauvereine hatten für die Preisvergabe Bewerbungen eingereicht. Ingrid Riedel, Vorsitzende des Kitzener Fördervereins, war mit einer kleinen Delegation von Vereinsmitglieder nach Erfurt gereist und konnte unter viel Beifall den Scheck und die Auszeichnungsurkunde entgegennehmen. Und so haben wir uns bei der Veranstaltung selbst vorgestellt:

Zuerst ist das Brett leer, nur der Pfarrer steht auf dem Mittelfeld. Dieser Pfarrer braucht selbstverständlich eine Kirche, und diese gehört in ein Dorf. Damit ist auch schon das Ziel des Spiels beschrieben, das vor einigen Jahre auf den Markt kam. 45 bis 50 Euro kostet das Brettspiel mit dem Namen „Lass die Kirche im Dorf“.
Der Spieler, der zuerst ein zusammenhängendes Dorf mit Kirche gebaut hat, ist der Gewinner.

Wir haben es in Kitzen etwas anders gemacht. Denn das Dorf war bereits da, die Kirche im Prinzip auch.

Aber eben nur im Prinzip. Sie drohte, in sich zusammenzufallen. Und das Schlimmste daran, das Bauwerk gehörte niemandem. Genau das war der Zustand vor knapp 20 Jahren.

Man müsste die Kirche sanieren, dachten sich manche damals. Ja, müsste! Der Zustand war wie in einer Familie am Samstagvormittag. Man müsste mal wieder saubermachen. Aber keiner steht auf vom Frühstückstisch. Alle haben nur Blick für ihre Kaffee- oder Kakao-Tasse.

Ein zehn Jahre zuvor nach Kitzen gezogenes Paar, Ingrid Riedel und Siegwald Bielesch, waren die ersten, die den Blick von der Kaffeetasse und über den Tellerrand hinaus erhoben. Ein ernsthafter Prozess des Nachdenkens begann.

Erste Frage: Wie saniere ich einen Kirche, die niemandem gehört? Erste Antwort: Man erwirbt das Eigentum.

Zweite Frage: Wie wird man Eigentümer von etwas, das niemandem gehört? Antwort: Man nehme einen Euro und erwerbe es vom Freistaat Sachsen, der die Kirche zwar auch nichts besaß, aber mangels Besitzer eine Art Verwahrer war.

Der Plan war schließlich fast einfach. Wir gründen einen Verein, was im November 2007 mit 15 Mitgliedern geschah, und wir kaufen die Kirche. So geschehen und siehe, die ersten beiden Schritte waren aus heutiger Sicht leicht.

Aber es waren eben erst die Mühen der Ebene. Denn es machte sich schnell bemerkbar, dass die Verwirklichung eine solchen Plans wie eine Radsportetappe mit Bergankunft ist. Die eigentlichen Mühen beginnen mit dem langen Anstieg hin zum Ziel. Viel Arbeit lag vor den Mitgliedern des Vereins, von denen es heute 60 gibt und von denen viele handfest zupackten, wenn es um Arbeiten an dem Gebäude ging.

Aber Muskelkraft, Geschick und Pläne reichten nicht aus. Geld für Baustoffe musste her und für zahlreiche spezielle Arbeiten, die nur geschulte Handwerker ausführen können wie Elektroinstallation oder Dachdecken oder auch Malerarbeiten im Inneren eines Bauwerks, das zwar einst herrenlos war, aber nicht aus dem Blick des Denkmalschutzes verloren wurde.

Was kein Wunder ist für eine Kirche, deren Grundstein im 12. Jahrhundert gelegt wurde.

Am Ende waren es 1,8 Million Euro, die in die Sanierung der Kirche geflossen sind, von der Trockenlegung über den Innenausbau bis zum letzten Schliff am Turm.

Der dicke Scheck für den Verein. Foto: Gerd Wippert

Aber um dieses Geld investieren zu können, benötigte der Verein eigenes Kapital – über den Lauf der Jahre hinweg 300.000 Euro. Weil die nicht auf der Straße liegen, brauchte es neben den Bauplänen viele Ideen für die Geldbeschaffung.

Bereits 2009 organisierte der Verein die ersten Kulturveranstaltungen, die damals von 20 oder 30 Gästen besucht wurden. 17 Jahre später kommen im Durchschnitt mehr als 150 Besucher zu Kabarettveranstaltungen, Lesungen, Vorträgen und vor allem fantastischen Konzerten zehnmal im Jahr in die Kirche beziehungsweise ins Kulturhaus.

Ihre Eintrittsgelder wurden zu einem stabilen Bestandteil für notwendiges Eigenkapital. Begleitet werden die Veranstaltungen von Kaffeenachmittagen, für die Dutzende Familien im Dorf backen.

Viele helfende Hände werden jedes Mal benötigt, um die Veranstaltungen unter anderem mit dem

  • Schleppen von Stühlen und Bierzeltgarnituren vorzubereiten,
  • die Organisation vom Kartenverkauf bis zur Platzzuweisung durchzuführen,
  • Kaffee zu kochen, Kuchen zu verkaufen,
  • Geschirr abzuwaschen und
  • vor und nach den Veranstaltungen alles sauberzumachen.

Zudem fanden sich zahlreiche Spender, die Geld in die Kasse fließen ließen. So konnte bei staatlichen Stellen, unterschiedlichen weltlichen und kirchlicheren Stiftungen und anderen potenziellen Geldgebern die 1,5 Millionen Euro mit mühsamen Beantragungsprozessen, Rückschlägen, manchmal aber auch überraschenden Zuwendungen ergattert werden.

Dieses Durchhaltevermögen seit beinahe 20 Jahren, die Unmenge an ehrenamtlicher Handwerks- und Servicearbeit, die Organisation der Veranstaltungen ist es, was nicht nur die Vereinsmitglieder zusammengebracht hat, sondern der gesamten Dorfgemeinschaft zugutegekommen ist, neue Bekanntschaften und Freundschaften gefördert hat.

Und hier unterscheidet sich unser Ursprungsgedanke, die Kirche als Gotteshaus und kulturelle Begegnungsstätte im Dorf zu lassen, vom gleichnamigen und eingangs erwähnten Brettspiel ganz grundsätzlich.

Nie ging es darum, dass ein Einzelner irgendetwas gewinnt.

Unsere Sieger sind alle, die mitgearbeitet haben und es weiterhin tun und jene, die im Dorf mit den kulturellen Veranstaltungen, im Übrigen auch mit den vom Verein organisierten Seniorennachmittagen und den Landfrauentreffen, Abwechslungen und Vergnügen finden und somit Heimat erleben oder auch im Dorf die Chance haben, ihren christlichen Glauben zu leben.

Die Kirche ist saniert und wird weiter vom Verein gepflegt, repariert, instandgehalten.  

Die Kulturveranstaltungen gehen weiter. Schon deshalb, weil sie mittlerweile ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil des dörflichen Lebens sind.

Allein das wird schon eine Herausforderung für die nächsten Jahren, zumal die Gründungsmütter und -väter von 2007 nicht jünger werden.

Aber begnügen wollen wir uns damit nicht – wir haben neue Projekte im Kopf.

Derzeit arbeitet der Verein an einem Vorhaben, das wiederum viel Arbeit und Geld benötigt.

Investiert werden Geld und Mskelkraft in den Ausbau eines Gebäudes, das – so der Plan – im nächsten Jahr mit Waren gefüllten Regalen und elektronischen Kassen bestückt wird, um wieder einen Lebensmittelladen im Dorf zu haben.

Insofern haben wir dann doch wieder Analogien zum Brettspiel. Wir machen weiter und bauen an unserem Dorf rund um die Kirche.

Die Kitzener im Reigen mit den anderen Ausgezeichneten. Foto: Gerd Wippert