
Die Überraschung kam nach der Pause. Als alle wieder ihre Plätze eingenommen hatten, machte sich Matthias „Matthieu“ Denef auf den Weg hinauf zur Orgelempore und ließ Johann Sebastian Bachs „Toccata“ erklingen. Die letzten Töne schwangen noch nach, als ihm Philippe Amadé Polyák von unten mit einem Violinensolo antwortete. „Es war eine spontane Entscheidung“, sagte Polyák nach dem Konzert.

Mit der „Passacaglia“ des norwegischen Komponisten Johan Halvorsen hatte er sich ein berühmtes Stück ausgesucht, das für gewöhnlich im Duett mit Viola oder Violoncello gespielt wird, wie Polyák sagte. Aber auch in der Soloversion hatte es großen Reiz auf das Publikum und war eine gekonnte Antwort der feinen Art auf den gewaltigen Ton der 2025 sanierten Rühlmann-Orgel. Denef hatte schon vor Konzertbeginn die Orgel getestet und sich dann für die Überraschung entschieden.

„Zeitlose Diamanten“ hat das Duo, das als „Matthieu & Amadé“ auftritt, sein Programm genannt, das es am Sonntag, dem 23. August 2026, den mehr als 150 Besucherinnen und Besuchern in der restlos ausverkauften Kitzener Kirche bot. Damit spannten sie einen zeitlichen Bogen über knapp 200 Jahre und damit vier Jahrhunderte Musikgeschichte. Der reichte von Antonio Vivaldis „Der Winter“ aus der Konzert-Sammlung „Die vier Jahreszeiten“ (1725) über Giacomo Puccinis „O mio babbino caro“ aus der Oper „Gianni Schicchi“ (1918) bis hin zu „No time to die“ aus dem James-Bond-Thriller „Keine Zeit zu sterben“, dessen Titelsong von Billie Eilish und ihrem Bruder Fineas stammt (2020). Letzteres war Teil von zwei Medleys mit acht Songs aus Bond-Filmen seit 1962.
Diese Mischung aus Titeln unterschiedlicher Zeitepochen von der Klassik bis zum modernen Rock und Pop machte den besonderen Reiz des Konzerts aus. Denef und Polyák führten ihr Publikum von einem Highlight zum anderen, was noch vor der Pause bei „Confutatis maledictis“ von Wolfgang Amadues Mozart in eine Bearbeitung von David Garrett für Violine und Klavier das Publikum von den Sitzen riss. Das Stück stammt aus dem Requiem d-Moll KV 626. Mit der Bearbeitung und der Interpretation wurde aus der eigentlichen Totenmesse eine mit anhaltendem Beifall bejubelte Lebenshymne.

Nach einem schnellen Wechsel zwischen den Jahrhunderten mit Stücken von Karl Jenkins (1995), Bond-Songs der 1960er Jahre, Niccolo Paganini (1829), Michael Jackson (1987), Bach (1731) und Teil zwei der Bond-Melodien der 1980er bis 2020er Jahre legten Matthieu und Amadé noch einmal richtig nach. Im Anschluss an den letzten Programmtitel „He’s a pirate“ aus dem Blockbuster „Fluch der Karibik“ (2003) von Klaus Badelt und Hans Zimmer gab es erneut stehend Ovationen und das Publikum wollte partout nicht gehen. Erst nach einer Zugabe mit dem 1904 von Vittorio Monti komponierten Csárdás, dessen Interpretation durch Denef und Polyák noch einmal ausgiebig gefeiert wurde, war es dazu bereit.

Wer nach zwei Stunden Musik mehr Adrenalin im Blut hatte, Musiker oder Publikum, war am Ende nicht zu unterscheiden. Die Emotionen, die Matthieu und Amadé in ihr Spiel gebracht haben, hatten sich komplett auf die Besucher übertragen. „Darüber sind wir auch sehr glücklich“, sagte Denef im Anschluss und beide unisono, dass sie gern wiederkommen würden, was ganz offensichtlich die Konzertbesucher begrüßen würden.

Die beiden Musiker sind beinahe zufällig 2023 zusammengekommen. „Ich habe davor unter anderem in der Band Stilbruch gespielt. Matthias war bei einem unserer Auftritte zu Gast und hat mich angesprochen“, erzählte Polyák. „Wir haben sehr schnell gemerkt, dass wir auf einer Welle liegen“, ergänzte Denef. Diese gemeinsame Welle war übers gesamte Konzert hinweg spürbar.

