Gespannt vor Kitzener Premiere

Ein Mann, seine Stimme und seine Gitarre. Das klingt wenig für ein Konzert. Und es ist, wenn man ihn gehört hat, so viel.

Zum ersten Mal in Kitzen: Abi Wallenstein.

„Ich war sehr gespannt auf Kitzen und das Publikum.“ Bei Auftritten in Kirchen habe er bemerkt, dass die Zuhörer zumindest anfangs verhalten und zum Teil etwas distanziert reagieren. „In Kitzen war das überhaupt nicht der Fall“, sagte Abi Wallenstein nach seinem Konzert in der Kirche Sankt Nikolai beim Kultursonntag des Fördervereins am 19. Juli 2026. „Ich möchte gern wiederkommen“, rief er vor den letzten Titeln unter donnerndem Applaus den 150 Besucherinnen und Besucher zu, die es nicht mehr auf den Sitzen hielt. Mit anderen Worten: Das Publikum würden ebenso gern den Mann, der letzten Dezember 80 Jahre alt geworden ist, wiedersehen und ihm zuhören. „Wir planen für 2027 ein weiteres Konzert mit Abi Wallenstein ein“, sagte Vereinsvorsitzende Ingrid Riedel im Anschluss.

Geheimtipp, Ikone, Urgestein – der Wahlhamburger, der in Jerusalem geboren wurde und seit 1960 in Deutschland lebt, gilt als einer der allerbesten Blues-Interpreten der Republik und wohl auch in Europa. Das bewies er an dem Sonntag in der Kirche Sankt Nikolai nachdrücklich.

Auch mal ohne Mikro, um das Publikum die Ursprünglichkeit des Blues erleben zu lassen.

Mit gut zwei Dutzend Songs nahm er sein Publik mit auf eine Reise durch beinahe 150 Jahre Bluesgeschichte. Der älteste Titel dabei: „Down by the Riverside“. Das ist der vermutlich erste Antikriegssong oder Friedenssong der Musikgeschichte. Nach dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861 bis 1865) ist er als Gospel entstanden. Sein Verfasser ist unbekannt, aber seither wird das Lied in unzähligen Variationen gesungen und ist unter anderem als bluesige Interpretation bestens geeignet, Sänger und Publikum einander näher zu bringen. Wallenstein animierte die Besucher immer wieder zum Mitsingen diverser Refrains, und sein Auditorium ließ sich darauf ein.

Der Sänger startete in das Konzert ohne Mikrofon. „Damit ihr hört, wie Blues ursprünglich klang und gespielt wurde.“ Sugar Mama hieß der Titel, dessen Autor ebenfalls unbekannt ist, und der erstmals in den 1930er Jahren auf Tonträger gebannt wurde. Es folgten Songs aus den 1940er und 1950er Jahren, unter anderem von J. B. Lenoir (Good Advice und Never Go Back To Alabama). Weiter ging die Reise mit Eric Clapton (Sweet Home Chicago) und den Rollings Stones (Little Red Rooster und Honky Tonk Woman) sowie Chuck Berry (Carol) und vielen anderen bis in die 1970er Jahre hinein.

Auf Wiedersehen im nächsten Jahr.

Mit seiner etwas rauen und gleichzeitig sanften Stimme und seinem virtuosen Spiel auf der achtsaitigen Gitarre zog Wallenstein die Besucher immer wieder in seinen Bann. Vor allem deshalb, weil er von sich aus die Nähe und den Kontakt zum Publikum sucht. Die Gitarre, die er mitgebracht hat, stammt schon aus den 1970er Jahren. An der hängt Wallenstein ebenso wie an einer, die noch einmal zehn Jahre älter ist, „aber leider gerade repariert werden muss“.

Mit mittlerweile über 80 Jahren bezeichnet er die Auftritte als sein Lebenselixier. „Ich rauche nicht, ich trinke nicht, ich nehme keine Drogen. Meine Sucht ist der Blues“, sagt er im Gespräch im Anschluss ans Konzert. So lange Stimme und Finger mitmachen, will er spielen. Auch deshalb, „weil ich beim täglichen Üben immer wieder neues entdecke und dann mit auf meine Konzerte nehme“. Und das sind im Durchschnitt 100 bis 120 im Jahr.

Er könne das auch deshalb, weil „ich bei meiner lieben Frau auf Verständnis für meine Sucht stoße“, sagt er mit einem liebevollen Lächeln im Gesicht. Maryn Stucken teilt nach seinen Worten als Theaterregisseurin und Intendantin die Gefühle und die Leidenschaft des Künstlers.

Wer Abi Wallenstein am Sonntag in Kitzen verpasst hat, bekommt neue Chancen, wenn er am 3. Oktober in der Torgauer Kulturbastion, am 8. November im Schloss Dieskau und am 27. November in Geyserhaus in Leipzig ganz in der Nähe auftritt. Oder einfach abwarten, bis Abi Wallenstein im Laufe des Jahres 2027 wieder nach Kitzen zurückkommt.